Von Kathrin Fromm

Quelle: http://www.nationalgeographic.de/wissenschaft/2018/01/voegel-haben-eine-starke-persoenlichkeit

Die Ornithologin Auguste von Bayern erforscht, wie schlau Vögel sind. Wie sie das macht, erklärt sie im Interview. 

Sie erforschen, wie intelligent Vögel sind. Wie gehen Sie da vor?
Wir stellen den Vögeln kleine Aufgaben. Sie müssen ein Problem lösen und bekommen als Belohnung Futter. Wir untersuchen unter anderem, ob die Tiere bestimmte Grundprinzipien von physikalischen Gesetzen verstehen. Zum Beispiel, dass Dinge nach unten fallen, dass sich Schwerkraft nutzen lässt. Ein beliebter Test geht so: Die Vögel haben die Wahl zwischen zwei Stricken, die am Boden liegen und an denen sie mit dem Schnabel ziehen können. An beiden Stricken ist Futter befestigt, aber ein Strick führt nicht zum Ziel, weil er in der Mitte durchgeschnitten ist.

Was erforschen Sie mit ihren Tests?
Generell wollen wir die Denkfähigkeit von Vögeln verstehen. Wir forschen vor allem auf drei Gebieten. Zum einen geht es uns darum herauszufinden, wie flexibel die Tiere sind, ob sie zum Beispiel fähig sind neue Probleme zu lösen und ob sie innovatives Verhalten zeigen. Dann beschäftigen wir uns mit sozialer Intelligenz. Besitzen Vögel die Fähigkeit, sich in ihre Artgenossen hineinzuversetzen? Wissen sie, was andere denken, wollen, vorhaben? Ganz wichtig dabei ist zu verstehen, auf was Vögel achten. Dohlen reagieren zum Beispiel sehr sensibel auf Blicke von fremden Menschen. Ist der Blick direkt auf den Vogel gerichtet, nimmt dieser das Futter nur zögerlich an. Das ist interessant! Hunde und Primaten sind da nicht so sensibel. Schimpansen etwa achten mehr auf Körper- und Kopfhaltung. Und dann geht es um die Evolution von Sprache.

Das müssen Sie erklären...
Gerade Papageien haben die Fähigkeit Menschen zu imitieren und einen ziemlich beachtlichen Wortschatz zu lernen. Das ist noch sehr wenig wissenschaftlich untersucht. Meine Forschungsgruppe will herausfinden, ob die Fähigkeit neue Laute zu lernen und zu imitieren, mit anderen kognitiven Fähigkeiten wie etwa Rechnen oder mit sozialer Intelligenz korreliert. Daran kann man dann vielleicht sehen, welche Fähigkeiten auch bei der Evolution der menschlichen Sprache wichtig gewesen sein könnten. Nur durch die vergleichende Kognitionsforschung lassen sich evolutionäre Prozesse nachzeichnen, auch wenn es um die Entwicklung von Intelligenz geht.

Was haben Sie bislang herausgefunden?
Wir stehen noch am Anfang. Geplant ist ein breit angelegter Vergleich zwischen verschiedenen Papageienarten, die sich in ihrer Imitierfähigkeit unterscheiden, aber auch mit anderen Tiergruppen, die fähig sind zu imitieren, etwa Delfine. Wir sind gerade dabei, Methoden zu entwickeln und auszuprobieren, um vokale Lernfähigkeit qualitativ zu messen und objektiv zwischen Arten vergleichen zu können. Im ersten Schritt wollen wir sie mit allgemeinen Lernfähigkeiten vergleichen und sehen, ob es einen Zusammenhang gibt. Dann wüssten wir schon einmal, ob Arten, die gut Laute imitieren können, auch generell schneller lernen, also ob es einen Zusammenhang  zwischen Sprache und Intelligenz geben könnte.

Ein Graupapagei vor einem Touchscreen.

Wie bewegen Sie die Vögel dazu, mitzumachen?
Wir probieren aus. Die Vögel müssen motiviert sein und Lust haben mitzumachen, sonst zeigen sie ihre Fähigkeiten nicht. Papageien sind zum Beispiel unglaublich verspielt. Wir hatten da einen Test, bei dem sie einen Futtercontainer in einer Röhre nach links oder rechts schieben konnten. Wenn sie ihn in die eine Richtung schoben, gelangten Sie an Futter. Die Tiere fanden es aber so lustig, den Container hin- und herzuschieben, dass es ihnen völlig egal war, ob sie an das Futter kamen oder nicht. Die Belohnung gab es dann eher durch Zufall. Der Versuch machte einfach zu viel Spaß, deshalb gaben sie sich keine Mühe.

Was haben Sie dann gemacht?
Bei der zweiten Versuchsanordnung ließ sich der Futtercontainer nicht mehr schnell hin- und herschieben, sondern musste mit dem Schnabel durch ein Gitter bugsiert werden. Dadurch haben die Papageien genau überlegt, wie sie die Aufgabe lösen können.

Wie können Sie sich so in Vögel hineinversetzen?
Das ist eine Herausforderung! Wir müssen die Tests so anlegen, dass die Tiere das Problem überhaupt verstehen. Es ist schon schwierig genug einen Test für Schimpansen zu entwickeln, aber die haben immerhin noch einen ähnlichen Körperbau wie wir. Vögel haben eine andere Wahrnehmung als Säugetiere, arbeiten viel mit dem Schnabel und können fliegen. Richtig hineinversetzen kann man sich vielleicht nicht in sie, manchmal klappt das ja nicht mal bei Mitmenschen... Aber je besser man die Vögel kennenlernt, umso besser gelingt es, sich zumindest ansatzweise in sie hineinzudenken.

Sie arbeiten bei Ihren Tests vor allem mit Rabenvögeln und Papageien. Warum das?
Wenn man als ganz groben Indikator für Intelligenz auf die relative Gehirngröße im Vergleich zum Körpergewicht schaut, dann stechen unter den Wirbeltieren ein paar wenige Gruppen deutlich heraus: Primaten, Delfine sowie Rabenvögel und Papageien. Die Vögel weisen ähnliche kognitive Fähigkeiten wie Menschenaffen auf, obwohl 300 Millionen Jahre Evolution zwischen diesen beiden Gruppen liegen. Sie haben unabhängig voneinander ein vergleichbares Maß an Intelligenz entwickelt. Wie das kommen konnte, das wollen wir durch unsere vergleichende Arbeit verstehen. Es gibt zum Beispiel Indizien dafür, dass ein komplexes soziales Zusammenleben Auswirkungen auf die soziale Intelligenz von Tieren hat. Bei Primaten korreliert die Gruppengröße mit der relativen Gehirngröße und bei Vögeln scheinen Gruppen, die Langzeit-Bindungen eingehen, tendenziell größere Gehirne zu haben. 

 

Wie gehen Sie bei Ihrer Forschung vor?
Wir arbeiten hauptsächlich mit Vögeln, die an Menschen gewöhnt sind und von Hand aufgezogen wurden. Diese Tiere sind nicht so häufig. Meistens machen wir einen Test mit acht bis zwölf Vögeln einer Art – gerade genug für eine statistische Auswertung. Wir vergleichen Papageien und Raben, was interessant ist, weil sie nur sehr entfernt miteinander verwandt sind, ungefähr so wie Primaten und Delfine. Häufig arbeiten wir auch nur mit Papageien. Auf Teneriffa haben wir eine Forschungsstation und kooperieren mit der Loro Parque Stiftung, die dort mehr als 200 Papageienarten hält. Das ermöglicht uns detaillierte Vergleiche zwischen einer Vielzahl von nah und entfernt verwandten Arten aus unterschiedlichsten Lebensräumen. Es hat sich etwa gezeigt, dass Arten, die sich im Laufe der Evolution wechselnden Umwelteinflüssen anpassen mussten, innovativer sind und ein größeres Spektrum an neuen Verhaltensweisen haben als Arten, die schon seit Generationen unter konstanten Bedingungen leben.

Gibt es schlauere und weniger schlaue Vögel in ihrer Testgruppe?
Ja. Man sieht enorme Unterschiede zwischen den Individuen. Vögel haben eine starke Persönlichkeit. Es gibt Tiere, die hochmotiviert sind und meistens in den Tests sehr gut abschneiden. Es gibt solche, die wollen erst nicht, aber wenn sie es dann doch versuchen, sind sie gut. Und manche machen zwar gerne mit, aber kommen nie auf die Lösung. Das macht es nicht leichter, die Intelligenz von Vögeln zu messen. Ähnlich wie bei Menschen sind die Ergebnisse sehr unterschiedlich.