Montag, 23 März 2020 14:09

MdEP, MdL, Zoodirektor und Artenschutzbeauftragter im Gespräch: Neue Biodiversitätsrichtinien in der EU – Zoos sollte größere Bedeutung beigemessen werden

Quelle: https://www.pfalz-express.de/mdep-mdl-zoodirektor-und-artenschutzbeauftragter-im-gespraech-neue-biodiversitaetsrichtinien-in-der-eu-zoos-sollte-groessere-bedeutung-beigemessen-werden/

Landau. Die Rolle moderner Zoos im Artenschutz und die Bewertung der neuen Biodiversitätsrichtlinien in der EU: MdEP Christine Schneider, MdL Peter Lerch, Zoodirektor Dr. Jens-Ove Heckel und Artenschutzbeauftragter des Loro Parque, Wolfgang Rades trafen sich vor ein paar Tagen in der Landauer Zooschule zu einem diesbezüglichen Informationsgespräch.

Dr. Heckel hatte einen kleinen bebilderten Vortrag zusammen gestellt, in dem er eine kurze Geschichte der europäischen Zoos Revue passieren ließ. Der Schweizer Zoologe und Zoodirektor Dr. Heini Hedieger hatte bereits 1940 in seinem Buch „Wildtiere in Gefangenschaft“ die vier Säulen moderner Zoos, nämlich Erholung, Bildung, Artenschutz und Forschung definiert.

Man habe in der Zootierhaltung zunächst viel Wert auf Hygiene gelegt, weniger auf eine attraktive Gestaltung der Artenschutzzentren. Der Artenschutz wurde erst zu Beginn des 20. Jahrhunderts ein Thema in den Zoos. 1985 starteten erste Zoos in Europa koordinierte Erhaltungszuchtprogramme, 1993 wurde die WAZA-Welt-Zoo-Naturschutzstrategie Arbeitsgrundlage des „Ex-Situ-Managements“ bedrohter Arten.

„Zoos können keine Arche Noah für alle Tierarten sein“, so Heckel. „Das ist Quatsch“. Trotzdem können sie bei 24.000 bedrohten Arten ein Rettungsboot für viele wichtige Schlüsselarten sein.

50 Tierarten haben bisher ausschließlich dank der Bemühungen und Artenschutzinitiativen von Zoos überlebt. Mit 350 Millionen Euro, die jährlich von Zoos investiert werden, gehört die Gemeinschaft verbandsorganisierter Zoos zu den größten Geldgebern für den globalen Artenschutz, führte Heckel aus.

Seit 2007 hat sich der Landauer Zoo auf den Weg zu einer nachhaltiger wirtschaftenden Institution gemacht. Seit 2012 investiert er über den „Artenschutz-Cent“ einen festen Anteil der Eintrittsgelder in die Unterstützung von Arten-, Tier- und Klimaschutz sowie für Umweltbildung.

Etliche Zoos haben sich in Verbänden organisiert und unterliegen einer strengen Selbstkontrolle. Im Verband der Zoologischen Gärten (VdZ) haben sich die wissenschaftlich geleiteten Zoos im deutschsprachigen Raum zusammengeschlossen. Zoos unterliegen zudem weitreichenden gesetzlichen Anforderungen wie z.B. auch der EU-Zoo-Richtlinie oder der EU-Inversiv-Artenverordnung.

Verärgert, und da waren sich alle Diskussionsteilnehmer einig, ist man über gewisse radikale Tierrechtsorganisationen, wie zum Beispiel PETA. „Man muss stattdessen bemüht sein, ein ideologiefreies Wissen über Tiere und Natur an die Jugend zu vermitteln“, so Dr. Heckel.

Davon kann auch Wolfgang Rades, als Artenschutzbeauftragter der Loro Parque Fundacion, ein Lied singen. Einige Jahre war Rades Direktor des weltweit bekannten Loro Parque auf Teneriffa, nun ist er dessen Artenschutzbeauftragter. Jedes Jahr investiert der Zoo eine Million Dollar in Projekte zur Rettung bedrohter Tierarten.

„Bis heute haben wir es mit einer Investition von 21,3 Millionen Dollar in 180 Artenschutzprojekten weltweit ermöglicht, dass mindestens zehn Papageienarten vor der Ausrottung bewahrt werden konnten“, erzählt Rades, stolz auf das Erreichte.

„Wir wehren uns gegen die Versuche radikaler Tierrechtler uns der Tierquälerei zu beschuldigen. Ganz im Gegenteil, wir sind der festen Überzeugung, dass unsere Tiere bei uns in guten Händen sind“, so Rades.

Wie zum Beispiel das Orca-Weibchen Morgan – das hörgeschädigte Tier, hätte in der Natur nicht überleben können.

Morgan wurde, nachdem sie hilflos aufgefunden worden war, zunächst in einem holländischen Delphinarium untergebracht. Die holländische Regierung hatte dann den Loro Parque gebeten, das Tier mit anderen Schwertwalen in seinen Becken zu vergesellschaften, was auch gelang.

Mittlerweile ist Morgan sogar Mutter geworden und lebt gesund und fidel im Loro Parque. „Eine Auswilderung wie es mache sogenannte Tierschützer verlangt hatten, hätte Morgan ganz sicher nicht überlebt“, so Rades.

„Da fragt man sich schon, warum – zumeist selbsternannte – „Delfin- und Walschützer“ nicht gemeinsam mit den MODERNEN Zoos und Delfinarien, mit den im Zoo gehaltenen Kleinwalen als Botschafter ihrer Arten, Seite an Seite gegen die wirklichen Probleme der gefährdeten Tierwelt auf unserem Planeten vorgehen. Das wäre sehr viel zielführender als gegen die immer tiergerechtere Haltung von gerade mal etwa 270 Delfinen in europäischen Delfinarien zu protestieren, von denen bereits 75% in menschlicher Obhut geboren wurden“, wundert sich Biologe Rades.

Im Loro Parque können sich übrigens alle Besucher auch über die laufenden Erhaltungs- und Forschungsprogramme informieren. Die beliebten Backstage-Tours führen hinter die Kulissen und geben auch dort Einblick in die umfassende Arbeit des Zoos.

Rades und Heckel betonten die zunehmende Bedeutung der modernen Zoos als reale Begegnungsstätte zwischen Mensch und Tier in einer zunehmend verstädterten und virtuellen Welt. Sie kamen aber auch auf die großen Probleme, die ein ideologisch motivierter Tierrechtsextremismus für den Naturschutz und übrigens auch für den pragmatischen Tierschutz mit Augenmaß bedeutet, zu sprechen.

„In unseren modernen Zoos wird gut und sehr intensiv für die Problematik der Gefährdung von Tierwelt und Natur sensibilisiert. Wobei der Zoo Landau hier eine vorbildliche Rolle spielt. Ein ganz wichtiges Instrument ist dabei die Arbeit der Landauer Zooschule, die deswegen unbedingt einer nachhaltigen Förderung als bedeutende Bildungsinstitution durch die öffentliche Hand bedarf“, lobt Rades die Landauer.

Zoodirektor Dr. Jens-Ove Heckel wandte sich vehement gegen die Vorhaltungen, Subventionsempfänger zu sein. Man solle seitens der Entscheidungsträger auf allen Ebenen von der EU bis zu den Kommunen, das große Potential der Zoos noch wesentlich intensiver einbeziehen, um die beschlossenen Ziele zur Erhaltung der Biodiversität zu erreichen.

Das „ex situ- Tool“, d.h. die Erhaltung bedrohter Arten unter menschlicher Obhut soll in der neuen Biodiversitätsstrategie der EU verankert werden.

In einem Brief an EU-Vizepräsident Frans Timmermanns (Kommissar für Klimaschutz), haben zirka 80 Wissenschaftler unter anderem Folgendes geschrieben: „Angesichts der schlimmen Umstände sind wir der Ansicht, dass sowohl In-situ- als auch Ex-situ-Maßnahmen erforderlich sind, um den Schutz der biologischen Vielfalt für künftige Generationen zu gewährleisten. Wie im Nullentwurf des Biodiversitätsrahmens für die Zeit nach 2020 dargelegt, wird ein „gesamtstaatlicher und gesellschaftlicher“ Ansatz erforderlich sein, um erfolgreich zu sein.

Wie Sie wissen, müssen die Vertragsparteien des Übereinkommens über die biologische Vielfalt sowohl In-situ- als auch Ex-situ-Maßnahmen ergreifen. Der mit der Welt-Artenschutz-Union, IUCN zusammen entwickelte „One Plan Approach“ spiegelt auch die Notwendigkeit wider, Ex -situ-Maßnahmen zur Unterstützung der In -situ-Erhaltung, d.h. im natürlichen Lebensraum, besser zu ergreifen.

Infolgedessen fordern wir die Europäische Kommission nachdrücklich auf, ausdrücklich auf Ex -situ-Schutzmaßnahmen in die neue EU-Strategie zur Erhaltung der biologischen Vielfalt aufzunehmen. Die Berücksichtigung der Ex-situ-Schutzinstrumente sollte nicht nur auf europäischer Ebene erfolgen, sondern auch als Empfehlung zur Verbesserung des Nullentwurfs des Rahmens für die biologische Vielfalt nach 2020.“

Europaabgeordnete Christine Schneider, die sich als Unterstützerin der artgerechten Zooarbeit sieht, übrigens auch Patin eines Dromedars ist, sagte Heckel und Rades jegliche Unterstützung für ihre Arbeit zu. (desa)

Begriffserklärung:

 

Im Naturschutz sind Ex- situ-Maßnahmen zur Erhaltung der Artenvielfalt solche, die außerhalb des eigentlichen Lebensraums einer Art stattfinden, beispielsweise durch Zuchtprogramme in Botanischen und Zoologischen Gärten oder in Genbanken. In -situ-Maßnahmen finden im natürlichen Lebensraum statt, beispielsweise durch das Ausweisen von Schutzgebieten.